Holz. Material, Geschichte und Dialog
Ich bin mit Holz aufgewachsen. Mein Vater war Bildhauer, mein Großvater Kunstmaler und Bildhauer. Ich kann Holz am Geruch erkennen. Blind.
Ein Text von Albrecht Klink
Ich mag Holz, das eine eigene Struktur hat, das mir etwas entgegensetzt, und nicht nur eine zurückhaltende, gleichmäßige Textur wie beispielsweise Lindenholz. Wenn ich mit einem Stück Holz arbeite, möchte ich, dass mir etwas entgegenkommt, eine Information, auf die ich reagieren kann.
Für mich wäre es als Bildhauer eher langweilig, in weißem Marmor oder astfreiem Lindenholz zu arbeiten. Dann muss vor allem ich mich mit meiner Vorstellung gegen das Material durchsetzen. Habe ich dagegen eine andere Holzstruktur vor mir, eine eigene Geschichte, bin ich herausgefordert. Mein Bild, das ich gestalten möchte, muss sich mit dieser Struktur auseinandersetzen und sich ihr anpassen.
Das bedeutet nicht, dass das Holz alles bestimmt, wie es beispielsweise bei manchen Wurzelholz-Schnitzereien der Fall sein kann. Vielmehr soll ein offener Dialog entstehen. Dieser Dialog mit dem Holz öffnet auch mich selbst für den Arbeitsprozess.
Das Holz als Gesprächspartner
Ende der 2000er Jahre habe ich zahlreiche Fortbildungen für Lehrkräfte im Auftrag des Berliner Senats durchgeführt. Eine der für mich wichtigsten Erfahrungen, die ich dabei vermitteln wollte, war, dass die Arbeit mit Holz die Fähigkeit zur Auseinandersetzung und zur Diskussion stärkt.
Die Schüler können auf das Holz einschlagen. Aber wenn dort plötzlich ein Ast sitzt oder eben keiner, verändert sich ihre Arbeitsweise. Sie sind gut beraten, sich das Holzstück anzusehen, bevor sie anfangen.
Ein banales Beispiel habe ich in diesen Fortbildungen immer wieder verwendet: das Abschneiden einer ganz normalen Holzlatte. Wenn ich von einer Latte genau einen Meter absäge und genau an dieser Stelle ein Ast sitzt, kann ich große Mühe damit haben. Schaue ich mir das Holz vorher an und drehe die Latte vielleicht um, kann ich das Holzstück exakt und ohne großen Aufwand auf die gewünschte Länge abschneiden.
Dieser Vorgang geschieht bei Schülern zunächst unbewusst und ohne theoretische Reflexion. Gerade deshalb kann er von Pädagogen bewusst eingesetzt werden. Das Holz zwingt dazu, hinzusehen, zu reagieren, eine Entscheidung zu treffen und die eigene Vorstellung mit den Eigenschaften des Materials abzugleichen.
Olivenholz, eine besondere Geschichte
Es gibt verschiedene Hölzer, mit denen ich besonders gerne arbeite. Eine große Charakteristik hat für mich das Olivenholz. Seine Jahresringe wirken manchmal wie mit einer zitternden Tuschefeder gemalt. Sie können sich verdichten und plötzlich tiefe, dunkle Ringe enthalten, die von einem Brand in einem Olivenhain erzählen.

Mehrere Jahre habe ich Workshops für Bildhauerei als kleine Sommerakademie am Bolsenasee im nördlichen Latium gegeben. Dort sind unter anderem am Ortseingang von Montefiascone und unten am See zwei etwa dreieinhalb Meter hohe Skulpturen aus Zedernholz entstanden.


In dieser Zeit wurde ein Olivenhain erneuert und alte Olivenbäume wurden gefällt. Dadurch konnte ich etwa zwei Tonnen Olivenholz kaufen. Damit das logistisch für mich einigermaßen machbar war und das Holz zugleich eine Zwischenlagerung erfahren konnte, fand ich bei einem Bauern, der dort seit Generationen am Berg direkt am See lebt und arbeitet, einen Platz. Dort konnte ich das Holz ein bis zwei Jahre zwischenlagern.
Mag sein, dass meine Sprachkenntnisse die Situation nicht gerade vereinfacht haben. Doch es war deutlich zu erkennen, dass sich die Bauernfamilie sehr darüber wunderte, was ein Deutscher mit diesen alten Olivenhölzern anfangen wollte.
Beim nächsten Besuch im Frühjahr brachte ich ihnen eine Skulptur aus diesem Holz mit. Das hat sie sehr gefreut. Sie waren stolz, Teil des Ganzen zu sein, und erkannten in der Skulptur ihre eigene Verbundenheit mit dem Holz und seiner Herkunft wieder.
Eiche, Robinie und Holz aus privaten Gärten
Eiche und Robinie liebe ich sehr, gerade weil sie so wetterfest sind.
Immer wieder kommen Menschen zu mir und bringen mir Holz aus ihrem Garten. Sie wünschen sich daraus eine Skulptur. Das ist eine besondere Herausforderung, weil sie in der Regel emotional mit diesem Holzstück verbunden sind. Vielleicht hat der Großvater den Baum gepflanzt. Vielleicht sind sie selbst unter diesem Baum groß geworden. Und plötzlich ist von diesem Baum nur noch ein einziges Stück übrig.
In dieser Form ist das Holz unwiederbringlich. Gerade deshalb ist es für mich eine große Herausforderung, die ich gerne annehme. Ist das Holzstück zu groß und bleibt deshalb im Garten stehen, habe ich es auch gerne direkt vor Ort bearbeitet.
Holz als Zeitzeuge
Es gibt Hölzer, die durch ihren historischen Standort als eine Art Zeitzeugen etwas in meine Arbeit eintragen.
Eine Reihe von Lindenhölzern, die im Zusammenhang mit der Erweiterung der Berliner U-Bahn-Linie U5 vom Alexanderplatz in Richtung Bundestag beziehungsweise später Hauptbahnhof entfernt werden mussten, wurde mir zur Verfügung gestellt. Auch Holz aus dem Innenhof eines ehemaligen SS-Verwaltungsgebäudes in Berlin-Steglitz und aus einer Kaserne in Berlin-Tegel ist in meine Arbeit eingegangen.
Zwei sehr große Lindenholzstücke wurden mir aus der Görlitzer Straße zur Verfügung gestellt, direkt in der Nähe des ehemaligen Görlitzer Bahnhofs. Aus einem dieser Stücke habe ich eine Doppelskulptur herausgeschnitten. Dabei zeigte sich tief im Holzinneren ein alter, verrosteter Nagel, der meine Bildhauerklinge stumpf machte. Der Nagel verlief direkt durch den Arm der Skulptur.

Ich habe ihn deshalb nicht entfernt, sondern in die Skulptur aufgenommen. Nach dem Zustand des Metalls zu urteilen, war er wahrscheinlich in der Nachkriegszeit eingeschlagen worden. Vielleicht diente er als Halterung für ein Plakat oder für eine Wäscheleine. Die Skulptur heißt heute a pierced man and the Friend und hat in einem alten Cottage in Irland ihr Zuhause gefunden.
Auch aus einem großen Stück dieser Lindenhölzer aus der Görlitzer Straße entstand eine kleine goldene Löwenfigur. Die gesamte Fläche des Stammes ist für mich wie eine Savanne, in der der Löwe kreist. Und irgendwo in dieser Landschaft befindet sich eine verkohlte, verbrannte Holzstruktur mit einem Metallkern, der vermutlich Teil eines Geschosses aus dem unsäglichen sogenannten Berliner Endkampf war. So wird das Holz selbst zum Träger von Geschichte.
Sturmholz aus Berlin
2007 fegte der verheerende Orkan Kyrill über Berlin. Das Grünflächenamt Charlottenburg stellte mir daraufhin mehrere der umgestürzten Bäume für meine bildhauerische Arbeit zur Verfügung.
Aus einem etwa 80 Zentimeter dicken Stamm, dessen Inneres bereits nicht mehr vollständig gesund war, entstand eine Arbeit, bei der mich gerade diese besondere Holzstruktur interessierte. Aus dem Stamm habe ich die großen Buchstaben KRASS geschnitzt.

Eine große, dicke, ausgewachsene Eiche war bei dem Sturm ebenfalls umgefallen. Ich habe den Stamm auf etwa 1,60 Meter Länge abgeschnitten, aufgestellt und daraus oben einen etwa 15 Zentimeter großen Astronauten gehauen. Er steht auf Augenhöhe vor mir.

Zunächst sehe ich nur die Oberfläche des Querschnitts des Baumes und den kleinen Astronauten, als wäre er auf dem Mond. Wenn ich weiter zurückgehe, sehe ich, worauf er steht: den riesengroßen Eichenstamm als Sinnbild der Erde.
Das ist ein Teil meiner Sichtweise auf die Ikone des Astronauten beziehungsweise des Kosmonauten aus den 1970er Jahren und steht in Zusammenhang mit meiner Skulpturengruppe der Astronauten.
Wenn Skulptur und Stamm aus einem Stück entstehen
Gerne arbeite ich auch mit kleineren Hölzern, in denen die Skulpturen direkt stehen. Die Schultern können dabei fast noch von der Rinde des Holzes umgeben sein. Die Maserung, die Jahresringe und der Kern des Holzes bilden dann beinahe intuitiv ein Rückgrat, ein Zentrum innerhalb der Skulptur.
Das ist auch einer der Gründe, warum ich gerne Figur und Stamm aus einem Stück Holz bilde. Man nimmt sofort wahr, ganz unbewusst und unreflektiert, dass die Skulptur aus diesem Stamm entstanden und mit ihm verbunden ist.
Der untere Teil ist dann nicht einfach ein Podest. Er ist Teil des Ganzen. Wenn eine Skulptur auf einem 1,50 Meter langen Stamm steht, ist dieser Stamm Teil der Aussage der Skulptur und nicht nur ein Sockel, damit die Figur besser zu sehen ist.
Für mich ist es eine wunderbare Herausforderung, gerade nicht das typische Bildhauerholz Linde zu verwenden, auch wenn es sich so leicht schneiden lässt.
Holz aus dem Hohen Fläming
Einer meiner lieben Nachbarn in meinem Atelier im Hohen Fläming lädt mich immer wieder zu einem Besuch auf seinem alten Hof ein. Dieser Hof ist für mich jedes Mal eine Zeitreise, in eine Zeit, die inzwischen schon längst überholt ist.
Im hinteren Teil des Hofes stand ein riesengroßer Rosenbusch. Irgendwann musste er stark zurückgeschnitten werden, weil er zu groß geworden war. Es entstanden kleine Rosenholzstämme.

Aus ihnen habe ich eine ganze Serie kleiner Skulpturen gemacht: die Freunde von Werner. Eine kleine Gruppe steht heute in Rottweil, einzelne Stücke haben in verschiedenen Teilen der Bundesrepublik ihr Zuhause gefunden. Auch Fliederholz gab es auf diesem Hof. Die Stämme waren groß genug gewachsen, um daraus Skulpturen zu machen.
Wenn ich neues Holz suchte, eine schöne Birke oder einen Ahorn, war mein Nachbar aus dem Fläming immer bereit, mit seinem Opel Astra mit mir loszufahren. Wir fuhren über Feldwege, die irgendwann zu Waldwegen wurden. Den Rest mussten wir zu Fuß gehen. Es waren Wälder, die seiner Familie lange Zeit enteignet worden waren und die ihm erst spät nach der Wiedervereinigung zurückgegeben wurden.
Dann ging er mit mir durch den Wald. Ich durfte mir das passende Holz selbst aussuchen, nach Ort, Lage und Wachstum. Das sind die Dinge, über die ich entscheiden darf. Was nehme ich auf? Was lasse ich stehen? Wie gehe ich mit dem gewachsenen Holz um? Nicht brachial, sondern aufmerksam. Für diese Möglichkeit und für diese Erlebnisse bin ich sehr dankbar.
Human Space
Eine meiner ersten größeren Skulpturengruppen, Human Space, mit 51 stelenartigen Skulpturen von etwa 1,10 bis 1,30 Meter Höhe, entstand während eines längeren Aufenthalts im Allgäu und am Bodensee.

Die gesamte Arbeit ist ein Mix aus Holz des Mischwaldes. Dickere Äste und kleinere Stämme, selten mehr als zehn bis fünfzehn Zentimeter Durchmesser, aus Buche, Ahorn und Eiche wurden mir von Bauern und Einwohnern der Dörfer dort zur Verfügung gestellt.
Auch hier war das Holz nicht einfach ein Material, das ich gekauft und anschließend bearbeitet habe. Es kam aus einer Landschaft, aus konkreten Händen und aus einer bestimmten Umgebung.
Felix Krone und Franziska Krone
Zahlreiche meiner Arbeiten sind auch in der Gegend des Havelgebiets beheimatet. Das hat wahrscheinlich auch die Bauverwaltung der Gemeinde Schwielowsee bemerkt und mich gebeten, in Baumgartenbrück an der großen Brücke nach Werder eine Eiche zu bearbeiten, die leider gefällt werden musste.

Direkt am Ufer habe ich Felix Krone herausgearbeitet. Er steht dort mit fast vier Metern Höhe und schaut auf den See. Schauen ist dabei natürlich relativ, denn er hat die Augen geschlossen. In seiner Hand hält er eine sehr große Krone, die er den Menschen, die mit dem Boot vorbeifahren, als Geschenk anbietet. Netterweise lässt sich mit etwas Geschick an der Skulptur hochklettern. Man kann vor ihm in die Hocke gehen, und er setzt einem diese viel zu große Krone auf den Kopf.
Ein paar Jahre später kam einige Meter weiter eine zweite Eiche dazu. Es entstand Franziska Krone. Sie schaut selbstbewusst mit den Händen in den Hosentaschen auf den See hinaus, genau wie Felix Krone. Ihre Krone steht jedoch vor ihr, wie ein Rad. Einen Fuß hält sie auf der Krone fest.
Auch bei dieser Skulptur waren die Spuren der unmenschlichen Kämpfe des Zweiten Weltkriegs sichtbar. Auf Schulterhöhe befand sich ein etwa drei Zentimeter großer Granatsplitter, der vollständig mit dem Holz verwachsen war. Auf einer Fläche von etwa 20 Zentimetern war das Holz verkohlt. So viele Jahre später waren diese Spuren noch immer vorhanden.
Die beiden Krone-Skulpturen stehen vor der Gaststätte Baumgartenbrück bei der Bootsanlegestelle am Übergang nach Werder.
Aus welchem Holz bin ich?
Generell ist für mich charakteristisches Holz ein Holz mit einer Geschichte. Das Bild, das aus diesem Holz entsteht, ist für mich immer auch mit dieser Geschichte verbunden.
„Aus welchem Holz bin ich geschnitzt?“ Diese Redewendung bekommt für mich dadurch eine besondere Bedeutung. Natürlich kann ich meine Persönlichkeit entwickeln. Doch ich muss auch erkennen, aus welchem Holz ich bin.
Welche Geschichte? Welche Prägungen? Welche Grundvoraussetzungen bestimmen mein Dasein? Und was kann ich daraus machen?
Wenn es gelingt, diese Dinge miteinander in Einklang zu bringen, entsteht für mich eine innere Schönheit. Eine Schönheit, die nicht auf Makellosigkeit beruht und nicht auf einer von außen erwarteten Maßgabe. Schönheit bedeutet dann etwas anderes. Vielleicht das, was Joseph Beuys einmal den „Glanz der Wahrheit“ genannt hat.
Die Hölzer im Überblick
In den Arbeiten von Albrecht Klink kommen unter anderem vor: Linde aus der Görlitzer Straße in Berlin-Kreuzberg und von der U-Bahn-Baustelle der Linie U5, Eiche und Pappel aus dem Sturmholz des Orkans Kyrill, Olivenholz aus dem nördlichen Latium, Zedernholz aus Montefiascone, Robinie, Rosenholz und Flieder aus dem Hohen Fläming, dazu Buche, Ahorn und Birke aus dem Mischwald am Bodensee und im Allgäu.
Orte, aus denen dieses Holz stammt oder an denen daraus entstandene Arbeiten stehen: Berlin, Görlitzer Straße, Berlin-Steglitz, Berlin-Tegel, Berlin-Charlottenburg, Alexanderplatz, Hoher Fläming, Baumgartenbrück, Schwielowsee, Werder an der Havel, Rottweil, Allgäu, Bodensee, Bolsenasee, Montefiascone und Latium.
Weiter im Werk
- WerkschauDie Arbeiten nach Themen geordnet: Holzskulpturen, Die Krone, Astronauten, Letter Works, Holzzeitungen und Fotografie auf Holz.
- Aktuelle ArbeitenDie Arbeiten, die zurzeit im Atelier und im Showroom zu sehen sind.
- VitaDer Weg von Weil am Rhein über Italien und Nordnorwegen nach Berlin und in den Hohen Fläming.
- Wilhelm Klink, der GroßvaterBildhauer, Kunstmaler und Heimatforscher in Horb am Neckar, 1874 bis 1952.